• Die das tote Pferd reiten

Die das tote Pferd reiten

13.11.2020

«Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest – steig ab!»

Diese Weisheit wird den Dakota-Indianern zugeschrieben. Belege über die Richtigkeit dieser Urheberschaft gibt es aber keine. Die Metapher wird meistens im Zusammenhang mit Projekten in Wirtschaft und Verwaltung verwendet. Sie wird immer dann aktuell, wenn es darum geht, die Sinnlosigkeit einer Sache zu bezeichnen oder jemanden dazu zu bewegen, ein gescheitertes Vorhaben (endlich) aufzugeben.

In den «Stall der toten Pferde» gehört auch das Projekt einer landesweiten obligatorischen Erdbebenversicherung. Eine solche Versicherung gelangt seit Jahren immer wieder aufs politische Parkett. Und immer wieder wird sie – nach unzähligen langen, vertieften Abklärungen und Diskussionen – von Neuem verworfen. Einerseits, weil schon ein grosses Angebot an geeigneten Versicherungsprodukten bei der Privatassekuranz existiert. Andererseits, weil immer mehr Hypotheken-Institute die Erdbebenversicherung in ihren Krediten miteinschliessen. Hier ist übrigens zu prüfen, ob die Versicherung den vollen Liegenschaftswert deckt oder nur bis zur Höhe der gewährten Hypothek. Wer das Erdbebenrisiko abdecken will, kann das also schon lange auf freiwilliger Basis tun.

Anstatt mit der Ablehnung des neuesten politischen Vorstosses nun würdevoll vom toten Pferd «Erdbeben-Versicherungsobligatorium» abzusteigen, hat die ständerätliche Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie dieses Pferd sozusagen reanimiert. In einer Kommissionsmotion fordert die UREK-S den Bundesrat auf, zu prüfen, ob bei einem grossen Erdbeben alle Wohneigentümer mittels im Grundbuch eingetragener Eventualverpflichtung solidarisch haften und eine Einmalprämie bezahlen sollen. Dazu soll diskutiert werden, ob nur die Hauseigentümer oder alle Steuerpflichtigen eine Prämie bezahlen müssten – und ob diese abgestuft werden sollte, je nachdem, wie erdbebengerecht das eigene Haus gebaut ist oder wie erdbebengefährdet die Region ist. Mir scheint das ein Auftrag zum Vergleichen unterschiedlicher toter Pferde zu sein... Oder stehen wir am Start eines Ideenwettbewerbs zum Reiten toter Pferde? Klar ist, dass es in der Wirtschaftswelt neben der Weisheit der Dakotas mittlerweile Dutzende von ergänzenden Ratschlägen gibt, was man mit «toten Projekt-Pferden» alles anstellen kann. Es ist zu hoffen, dass mit dem Erdbeben-Versicherungsobligatorium nicht alle durchexerziert werden. Dieses tote Pferd hat ein endgültiges Begräbnis mehr als verdient, und zwar schon längst.

Markus Meier, Direktor HEV Schweiz